Erinnerungen
anonym
Lärmpegel, Grad an Hysterie und Qualität des Gesangs – vor ein paar Jahren hätte man gesagt: klingt nach einem Tokyo-Hotel-Konzert. Ich äußere diesen Gedanken, mein Begleiter schaut mich zweifelnd an. Auf einem Deich. In St. Peter Ording.
Wohl eher nicht. Ein Leuchtturm schiebt sich ins Blickfeld und mit ihm ein größeres Rudel Menschen.
Das, was sich entfernt mit dem Wort Gesang verbinden lässt, wächst in seinem Volumen erstaunlicherweise noch an. Ich vermute eine Grundschule auf Drogen, mein Begleiter schweigt.
Angeborene Freude an Chaos wie diesem lässt mich unerschrocken fürbaß schreiten. Jetzt lässt sich auch das Lied erahnen. Es geht um Nachtigallen und um Locken. Mir ist der Zusammenhang nicht so ganz klar, einem blondgelockten Jüngling, den ich befrage, auch nicht, das tut der allgemeinen Freude aber keinen Abbruch.
Wir sitzen am Leuchturm und fühlen uns ein bisschen verlassen. Die Horde ist in verschiedene Richtungen auseinandergedriftet und langsam versickert. Das machen Sie jeden Abend, sagt mein Begleiter plötzlich.
Jeden Abend, seit fast 60 Jahren, gibt es im Sommer einen Ferienkurs für Musik. Jeden Abend kommt man abends zum Leuchtturm und singt. Es ist selten so wie an diesem Abend gewesen, meistens haben wir ein Abendlied gesungen, ein bisschen gesessen und sind dann ins Internat zurückgegangen. Er lacht. Sandwichtoaster, kennst du die?
Wie kommt er denn jetzt darauf? Ich staune ihn an. Du kennst diese Leute?
Er wirkt glücklich.
Diese Leute? Vor Jahren war ich selber einer davon.
Weißt du, sagt er, ich hatte hier ein paar der schönsten Sommer, an die ich mich erinnern kann. Man trifft sich für 10 Tage, bringt sein Instrument mit und spielt. In einer Big-Band, einem Orchester oder bei den Blockflöten. Und alle singen im Chor. Weißt du wie das ist, morgens um kurz vor 8 das erste Mal zu singen, noch vorm Frühstück. Grausam. Er lacht wieder. Und wenn man abends länger mit den Leuten gesessen hat und ein klein wenig übernächtigt in die Probe kommt?
Aus langer Erfahrung weiß ich, dass mich jetzt ein ausführlicher Vortrag erwartet.
Richtig. Er legt los.
Schwärmt von der erstaunlichen Gemeinschaft die sich in kürzester Zeit bildet, von Freundschaften, die jahrelang halten.
Ich erkenne Ihn kaum wieder. Und versuche es mit Ironie: Klingt ein bisschen nach einer Bruderschaft, einem Geheimbund?
Das verstehst du nicht, sagt er. Das kann man nicht verstehen. Man muss es erleben. Es ist ein Microversum. Wir hatten sogar unsere eigene Post! Es klingt stolz. Ich muss lachen.
Strafender Blick des reisigen Helden. Mein Begleiter wird zusehends jünger. Wild gestikulierend erzählt er von nächtlichen Aktionen, von einem Lied, das vor jedem Essen gesungen wurde, und dann gab es den Bunten Abend. Alle führten Sketche auf oder machten sonstigen veritablen Unsinn. Einen Kammermusikabend gab es auch.
Und dann das Abschlusskonzert in der Kirche. Es ist ziemlich lustig gewesen, wie alle nervös in der Gegend herumstanden vorher und versuchten Witze über das sichere Misslingen des Konzerts zu machen. Geklappt hats aber immer, sagt er dann nach einem Moment des Nachdenkens.
Während meines Studiums hatte ich noch Kontakt zu ein paar von den Ehmaligen. Aber das ist lange her. Schweigen.
Gehn wir zum Internat, sagt er dann plötzlich und steht auf. Irgendwo biegen wir in einen Wald, es ist stockfinster, nichts zu erkennen, er marschiert fröhlich durch die Dunkelheit. Nichts verlernt, verkündet er.
Wir kommen an einem Fußballplatz vorbei. Jeden Nachmittag haben wir gespielt, sagt er beiläufig. Und das da drüben ist das Studio, da war die Big Band am rocken. Am rocken? Seit wann sagt er denn sowas?
Wir umrunden langsam das Haupthaus, während ich erklärt bekomme, wo die Mädchen wohnten und wo die Jungs, natürlich bekomme ich auch gezeigt, wo er residierte. Aus einem Fenster dringt ein dunkelroter Schein, der mich an die zweifelhafteren Viertel von Hamburg erinnernt. Ich frage. Er grinst. Das ist Tradition. Man verhüllt die Lampen mit roten Tüchern. Von wegen Atmosphäre. Ich höre Geschichten von Romanzen, von der einen oder anderen großen Liebe, von 50, ach was, es waren bestimmt 70 Leute die sich damals in ein 4-Mann-Zimmer gequetscht hatten. Das kommt mir übertrieben vor. Ihm nicht. Warum, frage ich? Warum nicht, ist die Antwort. Wir wollten einfach testen wieviel in den Raum passen.
Hast du dich auch verliebt, frage ich ihn. Nicht nur einmal, kommt zurück.
Im Auto, auf dem Rückweg durch den Norden Schleswig-Holsteins, schweigt er beharrlich. Kurz vor Hamburg, ein Wunder, er spricht wieder:
"Versuchen wir doch ein paar der Ehemaligen aufzustöbern morgen."
Ich entnehme dem, dass unser lang geplanter Urlaub in Deutschland zu einer Odysee werden wird.